Wie aus Schokolade “Erdbeerflecken” wurden

4. Dezember 2009

Mia, du hast mir das „Du“ angeboten. – Mir wäre es dennoch lieber, dich zu „Siezen“, wenn du verstehst. Es geht ja auch um die journalistische Kompetenz, die bewahrt bleiben soll. Also, Frau Bernstein, glauben Sie wirklich, dass das Zähneputzen die einzig sinnvolle Tätigkeit im Leben ist?

In der Minute, in der ich es schrieb, fand ich es so. Heute, Tage später, würde ich erweitern um: „Haare kämmen“.

Frau Bernstein, haben Sie literarische Vorbilder? Gibt es Bücher, die Sie wirklich lieben, weil sie einen Nerv getroffen haben und so vielleicht einen entscheidenden Anteil daran haben, dass Sie selbst anfangen wollten zu schreiben?

Nein, kein Vorbild. Ich liebe Bücher, seit ich denken kann, habe gelesen, was ich in die Hände bekam, verstanden mit Sicherheit nicht alles. Es gab kein einziges Buch, welches mich zum Schreiben motivierte, das Gegenteil eher: Viele sind so gut, dass sie über Jahre hinweg der Grund waren, meinen Traum von Veröffentlichungen nicht zu realisieren.

Vor mehr als 10 Jahren habe ich zahlreiche Romane der Popliteratur gelesen. Vor einigen Wochen erst habe ich versucht, Krachts „Faserland“ und von Stuckrad-Barres „Soloalbum“ erneut zu lesen, weil die beiden Romane zu meinen Highlights dieser Gattung gehören. Doch es hat nicht funktioniert. Ich bin bei beiden Romanen nicht über die ersten 10 Seiten hinausgekommen. Mir wurde klar, dass mich die Themen von damals und vor allem in ihrer Aufbereitung heute nicht mehr fesseln können und mich vielleicht darüber hinaus die Gattung Popliteratur nicht mehr interessiert. Dann habe ich Ihr Buch gelesen, war sehr schnell fasziniert von der Art und Weise, wie Sie mit Worten umgehen, Szenen erschaffen, umstellen und mit anderen Textmodellen, wie z.B. einem Gedicht,

das Sie einer Handlung voranstellen, nicht nur andere Wege gehen, als ich sie bisher mit einem Autor gehen durfte, sondern ich hatte auch sehr schnell das Gefühl, dass ich hier im Begriff bin, Popliteratur zu lesen. – „Erwachsene Popliteratur“. Bis heute hat dieser Gattungsbegriff für viele Autoren einen „negativen Beigeschmack“, vielleicht auch deshalb, weil er nach etwas klingt, das nicht von Dauer ist. Stört es Sie, wenn ich Ihren Roman „Erdbeerflecken“ zu anderen Romanen der Popliteratur stelle?

Stellen, legen, wie auch immer. Der Leser wählt die Schublade, in die er Erdbeerflecken einordnen will, vielleicht wird er auch keine finden, wer weiß? Wenn Sie „Erwachsene Popliteratur“ wählen, bitte sehr!

Ich tue das nicht oft, aber hin und wieder streiche ich mir Sätze in Büchern an, weil sie mich berühren. So z. B. „…ich wusste, was der Plural von Liebeskummer ist. Einsamkeit.“, der aus Ihrem Buch stammt. Wie kommt man darauf, wie lange tüftelt man an solche Sätzen? Schreiben Sie einfach drauf los? Oder korrigieren Sie oft und auch noch Tage später, weil Sie das bestmögliche aus Ihren Texten rausholen wollen?

Im ersten Schritt: auf keinen Fall denken, einfach schreiben. Ohne Punkt und Komma, im besten Fall mit einer Idee, einem Satz, Fetzen, eben meinem Gedankenscrabble. Und dann geht es los, die Geschichte verselbstständigt sich im besten Fall, mindestens in den Momenten, wenn es wirklich gut läuft. Korrigiert wird selbstverständlich, muss, aber nie während des Schreibens, meistens erst dann, wenn ich den Eindruck habe, dass es bleiben kann. Bleibt es aber meistens nicht.

Mia Bernstein

Gibt es eigentlich Themen, über die Sie gar nicht schreiben würden, weil Sie einfach nicht können, weil Sie ihnen so nah gehen, dass es Ihnen vielleicht an Kraft und Durchhaltevermögen fehlt, daran zu feilen?

Die von Ihnen beschriebenen Situationen, die, die nahe gehen, sind genau die, über die ich schreiben mag. Was ich nicht könnte, ist zum Beispiel eine Komödie oder ein Krimi.

Sie schreiben über traurige Momente der Liebe, über das Erwachsenwerden, über die unterschiedliche Entwicklung von Menschen in den verschiedensten Beziehungen, über Eltern-Kind-Beziehungen und vieles mehr. Alles das präsentiert sich einem zunächst als ein Aneinanderreihen von Kurzgeschichten – zumindest war das mein erster Eindruck. Mehr und mehr hatte ich das Gefühl, dass es dann doch diesen roten Faden gibt, den die Erzählerin ja gelegt hat. Und am Ende hatte ich das Gefühl, entgegen meiner anfänglichen Erwartung, doch einen in sich geschlossenen Roman gelesen zu haben. Was war Ihre Absicht: Wollten Sie Kurzgeschichten schreiben oder einen – wenn auch nicht festen Regeln folgenden – Roman?

Interessante Frage. Wenn es überhaupt etwas wie eine Absicht gab, dann der Wunsch, dass mein Gedankenscrabble beim Leser weitere Kombinationen zum Vorschein bringt: Eigene Erinnerungen, Gedanken, die verloren gingen, Fragen, die man sich selbst schon stellte, auf die es aber auch weiterhin keine Antworten gibt, vielleicht aber doch, wenn man zwischen den Zeilen liest?!

Gibt es irgendeinen Ort, an dem Ihnen das Schreiben am besten gelingt? Und damit verbunden: Gibt es so etwas wie Rituale, die Ihren Schreibprozess prägen, also ihm voraus gehen oder folgen?

Sicher ist: Der Strand vor der Haustür ist für mich der beste Ort, um die erste Fassung zu schreiben; alle Überarbeitungen finden am Schreibtisch statt. Rituale habe ich keine, manchmal brauche ich Musik oder Lärm um mich herum, manchmal Ruhe. Pflichtpunkte während des Schreibens: Unmengen von Kaffee, Wasser und Schokolade.

Gibt es Schokolade, die Sie besonders konzentriert arbeiten lässt? Wir dürfen hier ruhig den Namen nennen, schließlich sind wir hier weder öffentlich-rechtli

ch, noch privat. Ich verrate Ihnen dann auch den Namen meiner Lieblingsschokolade.

Dolfin, hoch und runter. Ansonsten alles von Kinderschokolade, über Pralinen bis zu Trüffeln.

Aaah, okay. Kinderschokolade ist natürlich toll. Bei mir steht immer ein Glas Nutella auf dem Schreibtisch.

Wie konnte ich Nutella vergessen? Gerne mit dem großen Löffel und kalter Milch!

Jetzt eine gute Überleitung zu finden, wird mir schwer fallen. Darum ganz direkt: Männer spielen in ihren Geschichten oft eine zentrale Rolle. Im Grunde sogar eine zentrale schlechte Rolle. Haben wir es verbockt? Ich meine, womit können wir wieder bei Ihnen punkten?

Idioten und Schwachköpfe gibt es immer und überall und ich bezweifle stark, dass alle männlich sind. Bei mir muss kein Mann mehr punkten, ich habe alles vergeben, was mir zur Verfügung steht. Einzig eine Köchin, die fehlt noch in meinem Leben.

In meiner Lieblingsgeschichte aus Ihrem Buch, verklagt eine Frau ihr Leben. Ich finde sie großartig geschrieben! Beim Lesen dieser Geschichte habe ich über Folgendes nachdenken müssen: Wie schafft man es, sein Leben nicht anklagen zu müssen? Welche Eigenschaften sollte ein Mensch sich im Laufe seines Lebens aneignen, um „über allem zu stehen“, wie es so schön heißt?! Was meinen Sie?

„Um über allem zu stehen“ ist das Pseudonym für leblos, oder? Von daher wäre die Antwort: Keine. Jeder sollte vielleicht mal sein Leben verklagen, ich glaube, es würden so einige Prozesse anders ausgehen, als die Kläger denken. Die Videoaufzeichnungen dieser Prozesse bitte zu mir, für den Fall, dass meine Gedankenscrabble-Sammlung Nachschub braucht.

Mein Prozess wäre dann wohl eine Farce, aber lassen wir das… Letzte Frage an Sie: Welches Buch lesen Sie im Moment und warum?

„Mein Name sei Gantenbein“ von Frisch. Den Grund habe ich vergessen.

Vielen Dank für das E-Mail-Gespräch, Frau Bernstein.

Allen Besuchern dieses Blogs sei an dieser Stelle das Buch „Erdbeerflecken“ von Mia Bernstein wärmstens empfohlen. Auch wenn es scheint, als würde es sich um eines der zahlreichen „Frauenromane“ handeln, die Mann eher meidet, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dem ist nicht so. In 14 Kurzgeschichten präsentiert Sie dem Leser das Leben so, wie es ist: Hart, zart, grausam und schön. Für 12,90 Euro ist das Buch über die ISBN 978-3-9809599-5-7 beim Buchhändler eures Vertrauens zu bestellen.


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7 Antworten to “Wie aus Schokolade “Erdbeerflecken” wurden”


  1. […] This post was mentioned on Twitter by ➠ 008 and Karina K., Marion Popiolek. Marion Popiolek said: Ein Interview mit @miabernstein auf @Agent_Dexter Blog: http://wp.me/pAs5f-9G #Buch #Erdbeerflecken Herzl.Dank: @Goldmannpark f.d. Info 🙂 […]

  2. Sec Says:

    Sehr lesenswert, dieses Interview! Dass journalistische Kompetenz von der Wahl der Anrede abhängig ist, war mir allerdings neu.

    • saegewerk Says:

      Stimmt natürlich und sollte nicht als allzu ernst gemeint verstanden werden. Allerdings wollte ich es vermeiden, einen zu flapsigen Ton anzuschlagen ;).

  3. Blue Says:

    Da ich in letzter Zeit vom Buchhändler meines Vertrauens mehrfach enttäuscht wurde, wenn es um Bücher von eher unbekannten Autoren ging, wage ich es, an dieser Stelle auch an den bösen Riesen Amazon zu erinnern, der, das muss man leider zugeben, stets zuverlässig und schnell liefert: http://snipurl.com/mb-erdbeer

    Die Erzählungen von Mia Bernsatein sind die Anstrengung des Kaufs in jedem Fall wert. Macht Euch auf!

    Blue

  4. sandra Says:

    ach schönes interview *wirklich vorallem das mit dem “über alles stehen“…weil das funktioniert bei mir garnich, so sehr es mir andere immer raten und ich es versuche …
    liebe grüsse

    sandra

  5. Frau Eiskalt Says:

    Ein gut umgesetztes Interview über ein großartiges Buch.


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