Die Unmöglichkeit einer Insel

19. April 2011

Ein Bild auf der Titelseite, das ich übersehen hatte, zeigte einen Eisbären auf einer zusammengeschmolzenen Eisscholle, die auf offener See trieb. Er hatte die Schnauze erhoben und heulte oder bellte den Fotografen an, der von der Perspektive her auf dem Deck eines hinterherfahrenden Kutters gestanden oder sich aus einem tieffliegenden Hubschrauber gelehnt haben musste. Das Foto war so lange süß, bis man anfing darüber nachzudenken. Das Stückchen Eis, auf dem der Bär hockte, war von der Schmelze bereits durchlöchert wie ein Schweizer Käse, das Meer drumherum endlos.

(Jonathan Lethem, in: Chronic City)

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Rotz, Wasser und Glückseligkeit

31. März 2011

Schneller, immer schneller, irgendwie doch nicht schnell genug, nie. Heute nicht, morgen nicht, alles dreht sich, unaufhörlich. Die Jahre ziehen an uns vorüber, ohne Pause. Ohne Platzkarte stehen wir irgendwo und nirgends. Es rauscht, mal laut, mal leise, nur um uns am Ende rauschlos zurückzulassen. Vielleicht.

Manchmal, selten vielleicht, aber es kommt vor, schlägt uns jemand ins Gesicht. Dann ist es egal, wo man gerade hektisch sein Tagwerk verrichtet, den Kampf gegen den Alltag verliert oder sich, den Glauben, das Denken an Morgen und Erinnerungen. Dann kitzelt es in der Nase, das Herz krampft, die hässliche Fratze des Kummers legt sich auf unser Gesicht und der Damm bricht.

Manchmal kann dieser Schlag in unser tägliches Um-die-Wette-Grinsen auch einfach ein Lied sein. So wie dieses hier:

Und dann packt dich das Leben am Kragen und schüttelt dich. Es ist ein bisschen, als könnte man plötzlich auf zwei verschiedene Arten wahrnehmen, was um einen herum passiert: Da ist das Außen, der fiese Kragenwürger, der dich bewusstlos zu schütteln droht und – auf der anderen Seite – das Innen. Dort bist du ruhig, erlebst die fühlbare Hektik in absoluter Zeitlupe. Die Musik von James Vincent McMorrow kann das. Sie raubt einem den Atem, lässt dich fast verrecken. Und dann, wenn du fast um die Ecke gebracht wurdest, wartet hinter der selbigen unfassbare Glückseligkeit. Selten war Sich-reinwaschen schöner.

Es klingt, als hätten sich Mumford & Sons den guten William Fitzsimmons (den ich hier interviewt habe) geschnappt, um mit ihm gemeinsam Musik zu machen. Das Debütalbum von James Vincent McMorrow erscheint am 8. April und ist mit Abstand das berührenste Stück Musik, das mir seit Langem untergekommen ist. Deshalb auch: ★★★★.

Eine weitere Kostprobe daraus gibt es hier:


Mal was anderes

16. März 2011

Befindlichkeitsbloggen ist nicht mein Ding.

Nur noch selten schreibe ich hier über das, was mich bewegt. Nicht etwa, weil ich faul oder weniger mitteilsam geworden bin, sondern weil ich täglich für ein Nachrichtenportal im Netz schreibe. Dass ich dabei aktuell meist über neue Bücher- oder CD-Erscheinungen und TV-Quoten berichte oder Qualitätsfernsehen wie Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!, DSDS, Menschen bei Maischberger oder Germany’s Next Topmodel bespreche, sorgt nicht selten für eine handvoll Texte, die ich wöchentlich abliefere.

Nach einem langen Arbeitstag habe ich oft weder Zeit noch Muse, wirklich private Gedanken und eine differenzierte persönliche Meinung zum aktuellen Tagesgeschehen auch hier auf meinem privaten Blog loszuwerden.

Ob nun der gefühlsduselige Kram, der mir zu den Ereignissen in Japan schwer auf der Seele liegt, irgendeinen Menschen vor den Bildschirmen interessiert, sei einmal dahin gestellt. Über diesem Text könnte auch stehen: Liebes Tagebuch.

Es ist die Zeit der langhaarigen (unter Umständen auch bärtigen) Atom-Experten. Erst das Erdbeben, dann der Tsunami und nun die nicht enden wollenden Horrormeldungen über eine mögliche atomare Katastrophe – die zumindest in Teilen schon über den Norden Japans hereingebrochen ist.

Man mag über Energiegewinnung denken, was man will: Mir wird übel, wenn neue Schreckensnachrichten aus Japan über die Agenturen einlaufen. Ich habe verstanden, dass Deutschland von der Verunreinigung durch radioaktive Partikel in der Luft verschont bleibt. Trotzdem beruhigt mich dieser im Moment als sicher geltende Umstand nicht.

In Japan sind Tausende Menschen ums Leben gekommen, viele Millionen könnten im schlimmsten Fall durch die Explosion der Atomkraftwerke nachhaltig in ihrem Alltag beeinträchtigt werden. Und das ist noch vorsichtig formuliert. Das Gebiet, auf dem die Kraftwerke stehen, wäre über viele Jahrzehnte verseucht, Aufräumarbeiten könnten nicht stattfinden, die Bergung von zahlreichen Toten müsste aufgegeben werden. Wenn ich Bilder der Gegend um Fukushima sehe, dann begreife ich das jetzt schon als No Man’s Land.

Das Team eines japanischen Fernsehsenders hat ein älteres Ehepaar begleitet, das in den Trümmern nach ihren Kindern sucht und hofft, diese lebend zu bergen – vier Tage nach dem schlimmen Erdbeben und dem verheerenden Tsunami. Sichtlich gefasst reden beide in die Kamera, diszipliniert und nüchtern, so wie wir das Bild des japanischen Gemütszustands in den vergangenen Tagen durch die Medien vermittelt bekommen haben. Aber dieses Bild erhält erste Risse. Als der Mann auf einen Trümmerberg klettert, den Namen seiner Tochter oder seines Sohnes ruft, steht die Mutter abseits und tupft mit einem Taschentuch schnell die Tränen unter ihren Augen weg.

Wir machen uns Gedanken darüber, ob uns Gefahren durch radioaktiv verstrahlte Nahrungsmittel drohen. Sollte das der Fall sein, wird Deutschland sicher gar nicht erst importieren. Viel schlimmer, weil momentan kaum bedacht, finde ich die Tatsache, dass das zur Kühlung benutzte Meerwasser vollkommen mit Radioaktivität verschmutzt zurück ins Meer transportiert wird Die daraus entstehenden Konsequenzen kann sich jetzt vermutlich noch niemand ausmalen. Ein kontaminiertes Gebiet auf dem Festland kann zum Sperrbezirk erklärt werden, Meerwasser hingegen ist ständig in Bewegung.

Es gab genug Momente in den letzten Tagen, in denen ich diese Katastrophenkette nicht als Problem Japans gesehen habe. Mittlerweile ist es für mich zu einem Desaster geworden, das uns alle angeht.

Obwohl ich mir in der Vergangenheit kaum Gedanken darüber gemacht habe, ob Atomkraftwerke in Deutschland notwendig sind oder nicht, denke ich jetzt: Weg mit diesen riesigen Apparaturen, die mehr Schaden anrichten, als sie nutzen.

Wir wissen, so lange sie reibungslos funktionieren, droht uns Menschen keine Gefahr. Nur: 100 Prozent sicher ist kein Kraftwerk, auch kein deutsches. Was also, wenn plötzlich Dinge passieren, die nicht mehr in den Griff zu bekommen sind? Was dann? Es liegt in der Natur der Atomkraft, dass schwerwiegende Probleme, die im Umgang damit auftreten, einfach deshalb nicht kontrolliert werden können, weil die technischen Mittel und Möglichkeiten dazu fehlen.

Die Folgen: Szenen, wie wir sie bisher nur aus Filmen kannten, sehen wir jetzt rund um die Uhr in den Nachrichten. Von dem Müll, der dabei entsteht und dessen Lagerung bis heute noch ein unlösbares Problem darstellt, gar nicht erst zu reden.

Niemand kann mir erzählen, dass wir Menschen nicht in der Lage wären, alternative Energiequellen zu nutzen. Solche also, die weniger oder gar keine Gefahr darstellen. Wenn ein Windrad umstürzt, brennt vielleicht das Getreidefeld, auf dem es stand, aber es besteht keine Gefahr für Tausende von Menschen. Vor allem keine Gefahr, die über Jahrzehnte lang anhält und das Gebiet unbewohnbar macht.

Das Argument, dass viele Arbeitsplätze an den Atomkraftwerken hängen würden, kann ich kaum für voll nehmen. Sicher, diese Arbeitsplätze würden wegfallen – dafür würden an anderer Stelle neue entstehen. Ein Großteil der Energie, der in deutschen Kraftwerken erzeugt wurde und wird, hat man ohnehin ins Ausland exportiert (wurde also im Land selbst gar nicht benötigt). Auch hier gilt: Selbstverständlich würden dem Staat Einnahmen wegfallen, wenn er auf die Atomenergie verzichtet. Andererseits könnte er die durch alternative Energiequellen gewonnene überschüssige Energie ins Ausland verkaufen. Alles das sind sicher Vorgänge, die ihre Zeit brauchen. Aber lieber das, als ein zerstörter Planet.


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