Mal was anderes

16. März 2011

Befindlichkeitsbloggen ist nicht mein Ding.

Nur noch selten schreibe ich hier über das, was mich bewegt. Nicht etwa, weil ich faul oder weniger mitteilsam geworden bin, sondern weil ich täglich für ein Nachrichtenportal im Netz schreibe. Dass ich dabei aktuell meist über neue Bücher- oder CD-Erscheinungen und TV-Quoten berichte oder Qualitätsfernsehen wie Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!, DSDS, Menschen bei Maischberger oder Germany’s Next Topmodel bespreche, sorgt nicht selten für eine handvoll Texte, die ich wöchentlich abliefere.

Nach einem langen Arbeitstag habe ich oft weder Zeit noch Muse, wirklich private Gedanken und eine differenzierte persönliche Meinung zum aktuellen Tagesgeschehen auch hier auf meinem privaten Blog loszuwerden.

Ob nun der gefühlsduselige Kram, der mir zu den Ereignissen in Japan schwer auf der Seele liegt, irgendeinen Menschen vor den Bildschirmen interessiert, sei einmal dahin gestellt. Über diesem Text könnte auch stehen: Liebes Tagebuch.

Es ist die Zeit der langhaarigen (unter Umständen auch bärtigen) Atom-Experten. Erst das Erdbeben, dann der Tsunami und nun die nicht enden wollenden Horrormeldungen über eine mögliche atomare Katastrophe – die zumindest in Teilen schon über den Norden Japans hereingebrochen ist.

Man mag über Energiegewinnung denken, was man will: Mir wird übel, wenn neue Schreckensnachrichten aus Japan über die Agenturen einlaufen. Ich habe verstanden, dass Deutschland von der Verunreinigung durch radioaktive Partikel in der Luft verschont bleibt. Trotzdem beruhigt mich dieser im Moment als sicher geltende Umstand nicht.

In Japan sind Tausende Menschen ums Leben gekommen, viele Millionen könnten im schlimmsten Fall durch die Explosion der Atomkraftwerke nachhaltig in ihrem Alltag beeinträchtigt werden. Und das ist noch vorsichtig formuliert. Das Gebiet, auf dem die Kraftwerke stehen, wäre über viele Jahrzehnte verseucht, Aufräumarbeiten könnten nicht stattfinden, die Bergung von zahlreichen Toten müsste aufgegeben werden. Wenn ich Bilder der Gegend um Fukushima sehe, dann begreife ich das jetzt schon als No Man’s Land.

Das Team eines japanischen Fernsehsenders hat ein älteres Ehepaar begleitet, das in den Trümmern nach ihren Kindern sucht und hofft, diese lebend zu bergen – vier Tage nach dem schlimmen Erdbeben und dem verheerenden Tsunami. Sichtlich gefasst reden beide in die Kamera, diszipliniert und nüchtern, so wie wir das Bild des japanischen Gemütszustands in den vergangenen Tagen durch die Medien vermittelt bekommen haben. Aber dieses Bild erhält erste Risse. Als der Mann auf einen Trümmerberg klettert, den Namen seiner Tochter oder seines Sohnes ruft, steht die Mutter abseits und tupft mit einem Taschentuch schnell die Tränen unter ihren Augen weg.

Wir machen uns Gedanken darüber, ob uns Gefahren durch radioaktiv verstrahlte Nahrungsmittel drohen. Sollte das der Fall sein, wird Deutschland sicher gar nicht erst importieren. Viel schlimmer, weil momentan kaum bedacht, finde ich die Tatsache, dass das zur Kühlung benutzte Meerwasser vollkommen mit Radioaktivität verschmutzt zurück ins Meer transportiert wird Die daraus entstehenden Konsequenzen kann sich jetzt vermutlich noch niemand ausmalen. Ein kontaminiertes Gebiet auf dem Festland kann zum Sperrbezirk erklärt werden, Meerwasser hingegen ist ständig in Bewegung.

Es gab genug Momente in den letzten Tagen, in denen ich diese Katastrophenkette nicht als Problem Japans gesehen habe. Mittlerweile ist es für mich zu einem Desaster geworden, das uns alle angeht.

Obwohl ich mir in der Vergangenheit kaum Gedanken darüber gemacht habe, ob Atomkraftwerke in Deutschland notwendig sind oder nicht, denke ich jetzt: Weg mit diesen riesigen Apparaturen, die mehr Schaden anrichten, als sie nutzen.

Wir wissen, so lange sie reibungslos funktionieren, droht uns Menschen keine Gefahr. Nur: 100 Prozent sicher ist kein Kraftwerk, auch kein deutsches. Was also, wenn plötzlich Dinge passieren, die nicht mehr in den Griff zu bekommen sind? Was dann? Es liegt in der Natur der Atomkraft, dass schwerwiegende Probleme, die im Umgang damit auftreten, einfach deshalb nicht kontrolliert werden können, weil die technischen Mittel und Möglichkeiten dazu fehlen.

Die Folgen: Szenen, wie wir sie bisher nur aus Filmen kannten, sehen wir jetzt rund um die Uhr in den Nachrichten. Von dem Müll, der dabei entsteht und dessen Lagerung bis heute noch ein unlösbares Problem darstellt, gar nicht erst zu reden.

Niemand kann mir erzählen, dass wir Menschen nicht in der Lage wären, alternative Energiequellen zu nutzen. Solche also, die weniger oder gar keine Gefahr darstellen. Wenn ein Windrad umstürzt, brennt vielleicht das Getreidefeld, auf dem es stand, aber es besteht keine Gefahr für Tausende von Menschen. Vor allem keine Gefahr, die über Jahrzehnte lang anhält und das Gebiet unbewohnbar macht.

Das Argument, dass viele Arbeitsplätze an den Atomkraftwerken hängen würden, kann ich kaum für voll nehmen. Sicher, diese Arbeitsplätze würden wegfallen – dafür würden an anderer Stelle neue entstehen. Ein Großteil der Energie, der in deutschen Kraftwerken erzeugt wurde und wird, hat man ohnehin ins Ausland exportiert (wurde also im Land selbst gar nicht benötigt). Auch hier gilt: Selbstverständlich würden dem Staat Einnahmen wegfallen, wenn er auf die Atomenergie verzichtet. Andererseits könnte er die durch alternative Energiequellen gewonnene überschüssige Energie ins Ausland verkaufen. Alles das sind sicher Vorgänge, die ihre Zeit brauchen. Aber lieber das, als ein zerstörter Planet.

4 Antworten zu “Mal was anderes”

  1. luzifus Sagt:

    Da gebe ich dir Recht. Doch musst du bedenken, dass regenerative Energiequellen noch nicht so weit sind und so produktiv arbeiten können wie ein AKW. Wenn man (endlich!) einen Weg findet, den Energiebedarf anderweitig im selben Maße zu decken, bin ich auch dafür, dass AKWs aufgrund des Risikos, dass sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aufweisen, von heute auf morgen abgeschaltet werden. Es wäre aber fatales und verantwortungsloses Globalisierungsdenken, das nur für Deutschland zu fordern, gleichzeitig aber aus Atomenenergie aus änderen Ländern zurückzugreifen um den immensen Bedarf an Strom zu decken.

    • sägewerk Sagt:

      Ich bin über Nacht kein Ökostrom-Experte geworden. Aber bedenkt man, dass Atomenergie subventioniert wurde/wird, dann sollte es doch kein Problem sein, nach einem geplanten Abschalten der AKW (über einen längeren Zeitraum) auch die dadurch “gesparten” Subventionen in Forschung/Unterstützung/Aufbau von erneuerbaren Energien zu stecken. Das sind zeitliche Abläufe, die Experten doch sicher gut überschauen und planen können. Einzig der Wille von Politik und Industrie scheint zu fehlen. :/

  2. Trotzendorff Sagt:

    Dazu kommt, dass etwa 25 Prozent der in Deutschland produzierten Stromkapazitäten überhaupt nicht ins Netz gelangen (die Produzenten sprechen von technischen Problemen, Kritiker glauben eher, dass damit die Preise künstlich hoch gehalten werden sollen, die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen). Die Kernkraft aber macht derzeit “nur” etwa 22 Prozent des Marktes aus. Wenn ich also nicht ganz vergessen habe, wie Mathematik funktioniert, dürfte ein Abschalten der AKW in Deutschland auch dann funktionieren, wenn die erneuerbaren Energien noch nicht so weit sind. Vorausgesetzt, die Konzerne spielen mit.

  3. luzifus Sagt:

    Auch da gehe ich mit. Nur müssen dann eben alternative, regenerative Energiequellen in der Energieleistung, die sie abwerfen, effektiviert werden. Und die Frage auf längere Sicht bleibt, ob sie annähernd die Menge an Energie liefern können, die AKWs liefern können. Das MUSS die Forschung in den nächsten Jahren leisten – und richtig: DORT sollte man subventionieren, das hat aber die CDU noch nicht wirklich begriffen.


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